Leben unter Steinen


Es war ein kalter, wolkenverhangener Oktobertag. Er hatte die Jalousien heruntergelassen, aber fahrlässig, sodass zwischen den einzelnen Riemen kleine Gucklöcher entstanden, durch welche graue Nachmittagshimmelstrahlen in das abgedunkelte Zimmer drangen und das spärliche Mobiliar abtasteten wie die Fühler einer riesigen Nacktschnecke auf der Suche nach Beute. Sie trafen auf Bett, Herd, Kühlschrank, Schreibtisch mit Laptop und in der Mitte der Wohnung auf ihn. Wie die Assel unterm Stein saß er da. Schlaff schwebend in seinen Schreibtischstuhl zurückgelehnt und mit lose baumelndem Kinn und Kopf im Nacken zur Decke starrend lauschte er dem inneren Wiedergekäue. Die Gedanken kamen auf ihn zugerattert wie Sushi in einem Selbstbedienungsrestaurant. Er pickte sie heraus, knabberte ein wenig an ihnen herum und spuckte sie zurück auf das Fließband, wodurch sie mit jeder Runde ekliger, verformter und weniger menschlich wurden. Im weißen Rauschen einer seinen reglosen Körper umschwirrenden Fliege meinte er, sein Lieblingslied wiederzuerkennen, und begann, im Kopf mitzusingen:


hear, the wind blows my songs forth
to reach for the moon
just wait for the day
it‘s hard
to be
a fly
a bug
-BRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRING!

Sein Handy.


Sein Gesicht zog sich krampfhaft zusammen, als wäre ein elektrischer Impuls durch seinen Körper gewandert. Er schloss seinen Mund, dann kam der Kopf hoch; doch als er seine Arme anzuheben versuchte, sackten sie zurück auf die Lehnen. Das weiße Rauschen schwoll an zu einem Mantel, der ihn völlig verhüllte, und er fiel vornüber, wo er relativ sanft in einem Duvet aus dreckigen Jeans und Hoodies, die sich in den Drehrädern des Stuhles verfangen hatten, landete. Als der Mantel sich auflöste, klingelte es immer noch. Von Kopfschmerzen geplagt versucht er sich mit seinen eingeschlafenen Armen aufzurichten, kam jedoch nur bis auf die Knie. Dann patschte er ziellos auf seinem Schreibtisch herum, wobei er mehrfach in die Überreste von teilweise wochenalten Fertiggerichten griff, bis er endlich sein Handy fand und es zu sich hinunterzog. Das Display zeigte die Nummer seiner Mutter an. Er stöhnte leise und führte das Gerät zu seinem Ohr, wobei er sich langsam aufrichtete.


„Hallo?“

„Hey, Markus, ich bin‘s. Ich hoffe, ich störe dich nicht bei irgendetwas...“

Markus musste sie enttäuschen.

„Nee, ich mach gerade eh nichts. Worum geht‘s denn? Warum rufst du an?“

„Ach, nichts besonderes. Ich wollte nur mal wieder mit dir reden. Weißt du, Herbert ist gerade zu Besuch mit seiner neuen Freundin. Die ist total hübsch! Hast du die Fotos gesehen, die ich dir geschickt habe?“

„Äh, nee, noch nicht.“

Tatsächlich hatte Markus seit gut einer Woche nicht mehr seine Nachrichten überprüft. Seine Mutter, welche langsam in Fahrt geriet, ließ sich nicht beirren.

„Total hübsch jedenfalls. Viel hübscher als die Anna. Die konnte ich ja eigentlich noch nie so wirklich leiden. Weißt du noch, Weihnachten letztes Jahr- ach, äh, die neue heißt Julia übrigens. Hab ich ja noch gar nicht erwähnt. Jedenfalls total hübsch, und so schlau ist sie! Weißt du, was die studiert? Philosophie! Da hat sie ein bisschen was erzählt von beim Abendessen gestern. Momentan müssen die wohl so ein Projekt machen, irgendwas mit, äh... der Relevanz von Konfuzius‘ Lehren für die moderne Gesellschaft oder so. Total interessant jedenfalls. Ich mein, na ja, du weißt ja wie ich zu solchen Studiengängen eigentlich stehe, ich mein, Philosophie, wie will sie damit später Geld verdienen? Aber so eine wie die Julia, die ist so engagiert und clever, die findet ganz bestimmt was Gutes für sich, und selbst wenn nicht, haben die ja immer noch bald Herberts Einkommen wenn er nach dem Studium in der Praxis anfängt, da kommen die gut durch mit.“

Markus hatte zwischendurch zustimmende Geräusche abgegeben und sinnlos genickt. Nachdem der Redeschwall seiner Mutter abgeebbt war, hing eine unangenehme Stille zwischen den Hörern, gegen die diese Strategie nichts auszurichten vermochte. Schließlich erbarmte sie sich ihm, seufzte kurz zufrieden und ließ das Henkersbeil hinabdonnern:

„Und bei dir so?“

„Och, joa, das Übliche halt, nä?“

Halbe Minute Schweigen.

„...Hast du jetzt eigentlich endlich mal nen Job?“

„Äh, ja... also- nee, noch nicht direkt, ich bin aber beim Arbeitsamt eingetragen, und die rufen an, wenn was reinkommt. Also ich bin da schon noch hinter her, keine Sorge.“

Markus‘ Mutter seufzte erneut, diesmal enttäuscht.

„Wie soll das mit dir bloß noch enden…“

Markus wartete auf die übliche Standpauke, auf Sätze wie „Nimm dir mal ein Beispiel an deinem Bruder“ und „Wir können dir auch nicht für immer unter die Arme greifen“; stattdessen schwieg seine Mutter einfach, was ihn völlig aus dem Konzept brachte. Der Gedanke, dass seine arme Mutter ihn inzwischen vielleicht wirklich aufgegeben haben könnte, ließ sein Schuldbewusstsein Purzelbäume schlagen. Er konnte nichts als ein unsicher gestammeltes „Ach, komm schon...“ zu seiner Verteidigung hervorbringen. Nach einer Schweigeminute für Markus‘ tote Zukunft setzte seine Mutter erneut an:

„Und, wie steht‘s mit dem besseren Geschlecht?“

Sie stellte diese Frage im Wortlaut bei jedem ihrer Telefonate, jedes mal im selben verspielt-verschwörerischen Ton, aber Markus wusste, dass sie inzwischen zu einer reinen Formalität geworden war. Seine Mutter war eine Umfragefrau in seinem Türrahmen, die nur noch die letzte Frage abhaken und sich dann routiniert höflich verabschieden würde, wobei sie kaum vom Klemmbrett aufschaute, weil sie seine Antworten schon zu kennen glaubte. Aber Markus hatte für heute genug davon, Erwartungen zu erfüllen und Hoffnungen zu enttäuschen.

„Oh, Tatsächlich...“

Wie aus der Pistole geschossen-

„Tatsächlich?!“

-klammerte sie sich an den Grashalm. Markus fuhr fort:

„Tatsächlich habe ich neulich… jemanden kennengelernt.“

„Aha? Ja?“

„Äh… in einer Bar… vor ungefähr zwei Wochen… haben uns seitdem drei mal getroffen…“

„Und? Wie ist sie so? Was macht sie denn? Wie heißt sie?“

Markus unterbrach sie.

„Nun mal langsam, Mutter. Ich will hier nicht zu viel vorweg nehmen. Kann ja auch gut sein, dass das nichts wird zwischen uns… Ich möchte nicht unnötig Hoffnungen erwecken in dir. Aber wenn alles gut läuft, könnte ich sie Weihnachten doch vielleicht mitnehmen...“

„Ach, weißt du Schatz, das wäre für mich das allerschönste Weihnachtsgeschenk! Darauf freu ich mich jetzt total. Ruinier dir das bloß nicht mit der, Hahaha!“

Markus spürte einen riesigen Kloß im Hals. Er konnte sich nicht erinnern, wann seine Mutter ihn das letzte mal „Schatz“ genannt hatte. Verkrampft tat er sein bestes, mitzulachen:

„Haha, ich versuch‘s, das kannste mir glauben!“

Sie lachten noch für eine Weile, dann kam wieder Stille auf, aber keine unangenehme wie zuvor. Markus konnte den Gesichtsausdruck seiner Mutter fast hören, ein kaminwarmes, rundum glückliches Lächeln, das Friede und Heimat versprühte. Auf einmal empfand er eine zerrende Sehnsucht nach seiner Kindheit. Schließlich seufzte seine Mutter ein letztes mal und hob zur Schlusspredigt an:

„So, ich muss dann jetzt auch weg, Herbert will schon wieder was von mir… Der steht hier schon seit fünf Minuten, haha! Wir sprechen uns dann demnächst. Freue mich auf Weihnachten! Tschüss!“

„Yep, Tschüss!“

Klick.


Markus schleuderte sein Handy zurück auf den Schreibtisch und schloss die Augen. Er ließ langsam die Luft aus seinem Körper weichen und sackte zurück in seinen Stuhl. Weihnachten. Zwei Monate Aufschub. Bis dahin würde ihm eine Ausrede einfallen. Notfalls würde er sich halt eine Liste mit Details zu seiner imaginären Freundin zurechtlegen, und dann behaupten, dass sie nicht hatte kommen können. Wegen ihrer eigenen Familie vielleicht. Oder – noch besser – er würde seiner Mutter einfach erzählen, dass es nicht geklappt hatte zwischen ihnen. Während er darüber nachdachte, kam die Fliege zurück in sein Blickfeld geflogen. Summend ließ sie sich auf einem Teller nieder und rieb sich vor Vorfreude auf ihr Abendessen die Hände. Da holte er aus und schlug immer und immer wieder auf sie ein, bis nichts mehr von ihr übrig war als ein mickriger schwarzer Fleck. Der Teller schepperte, die Gabel flog unters Bett und an seiner Hand blieb eine Mischung aus Kartoffelbrei und Insekteninnereien kleben. Während er stirnrunzelnd abwechselnd den Fleck und seine Hand anstarrte, kam ihm das Lied wieder hoch: Eine Fliege, ein Käfer, und der Wind, der alles durchdringt und weg trägt, ganz weit weg…

Nach einer Weile stand er auf, schob mit dem Fuß die Klamotten auf dem Boden ein wenig zusammen, zog die Jalousien hoch, stapelte das dreckige Geschirr und schaltete den Laptop ein. Er hatte ja noch zwei Monate.