Streuner

Damals war ich alleine, bis du kamst mit deinem Brecheisengrinsen.

Es muss ein Donnerstag gewesen sein. Donnerstags gab es nämlich immer Pizzabrötchen in der Mensa, die gingen weg wie warme Semmeln, und ich weiß noch, dass ich mich an jenem Tag ärgerte, weil ich nach der sechsten Stunde zu langsam gewesen war. Wir hatten noch mündliche Noten bekommen und ich war am Ende des Alphabets, da hatte auch Rennen nichts genützt.
Ich kritzelte also griesgrämig in meinem Block herum, als Herr Sommer, unser Mathelehrer, mit der Hand auf deiner Schulter den Raum betrat. Schon damals bei deiner ersten Vorführung hattest du deine berüchtigte spitzbubig gespielte Unschuldsmiene aufgesetzt, als hättest du was verbrochen.
Neben mir muss wohl ein Platz frei gewesen sein. Natürlich war da einer frei, da hätte ja keiner sitzen wollen, so weit vorne und so weit weg vom Fenster und so nah an mir. Jedenfalls warst du plötzlich da und sagtest Hallo. Überrascht blickte ich auf und bedeckte sofort beschämt den Block mit meinen Händen, weil du schon dabei warst, deinen neugierigen Frettchenhals zu strecken. Dann schautest du schnell aber wieder mir in die Augen und begannst mit dem üblichen Vorstellungsgespräch, und ich antwortete mit dem mir üblichen freundlich abweisenden Gegrummel. Mein Bauch muss wohl auch gegrummelt haben, denn du fragtest mich, ob ich Hunger hätte, wühltest nach meinem Nicken in deiner Tasche herum und zogst ein Pizzabrötchen heraus, in Alufolie eingewickelt, dampfend warm. Du teiltest das Brot und reichtest es deinem Jünger. Und schon hattest du mich gezähmt.

Auf dem Heimweg durch den Park über den BETRETEN VERBOTEN Rasen, den keiner ernst nahm, erzähltest du dann mehr von dir, von deinem Leben in der Großstadt, wo du es ja wohl ganz cool gefunden hättest, aber die Luft sei dreckig gewesen und hier auf dem Land sei es ja viel schöner, also wärst du froh, dass dein Vater hierhin versetzt wurde; der sei Architekt übrigens, solle die Sporthalle neubauen, da könne ich mich drauf freuen, der wüsste, was er tut; aber vermissen würdest du die alten Jungs, mit denen hättest du so manchen Mist gebaut, das seien Ehrenmänner, aber man schreibe ja noch und an den Wochenenden…
So sprudelte es aus dir heraus. Du mochtest halt gerne über dich selbst reden, und ich mochte gerne Maul halten, nicken und mitlachen. Wir waren wie füreinander geschaffen.
So liefen alle unsere Gespräche, wobei wir selten redeten nach jenem schicksalhaften Donnerstag, nur noch manchmal in den Pausen, wenn die neuen Jungs dich langweilten, und in Mathe, dreimal in der Woche. Da wurde ich zu deinem Mitverschwörer und Komplizen, was ich sehr genoss. Wenn du Monika, welche auf Lücke vor uns saß, einen Kaugummi ins Haar klebtest, setztest du deine Unschuldsmiene auf, und ich kaute betont selbstgefällig auf meinem eigenen herum. Dreimal hat sie mir eine geklatscht. Generell lief es darauf hinaus: Du versalztest jemandem die Suppe und ließt mich sie auslöffeln. „Komplize“ ist übertrieben. Ich war dein Delegat und empfing die für dich gedachten Schläge.

Irgendwann ludst du mich zu dir nach Hause ein. Du erwähntest vor Unterrichtsbeginn stolz, dass du alle Teile irgendeiner billigen Horrorfilmreihe auf DVD für 10€ im Trödelladen auf der Ecke gefunden hattest, und fragtest mich, ob ich Bock auf einen Filmmarathon hätte. Ich kann diesen ganzen Horrorkram eigentlich nicht ausstehen, sagte aber natürlich trotzdem zu. Übernachtungsparty! Ich konnte meine Aufregung kaum verbergen. Am Dienstag hattest du den Vorschlag gemacht, und bis zum Wochenende konnte ich nicht schlafen, so heftig klopfte mein Herz vor Vorfreude auf unser erstes Date. Wir waren für acht verabredet, und ich stand schon um sechs mit Chips und Energydrinks auf der mit einem kitschigen Witz beschmierten Fußmatte deines von meinem Vergleichspunkt aus palastartigem Architektenhauses. Dich schien es nicht zu stören. Du führtest mich durch den Tempel schnurstracks die Treppe hoch zweite Tür links in dein Heiligtum, das ich in jener Nacht mit dir teilen durfte. Für mich hattest du fürsorglich eine Isomatte ans Fußende deines überbreiten Bettes gelegt. Wir bestellten Pizza, ich Thunfisch, du Salami, und schalteten den Fernseher ein.
Mit dem ersten Film amüsierten wir uns köstlich. Wir grölten und machten uns über die Klischees lustig, jubelten bei nackten Brüsten und klatschten für jeden blutigen Mord. Währenddessen war die Pizza gekommen, und du gabst gütig ab und zu deinem bettelnden Hund Salamistücke. Der zweite Film war immer noch unterhaltsam, aber langsam wurde es still, und als es daran ging, den dritten einzulegen, waren wir uns einig, stattdessen etwas zu spielen. Du schaltetest die Xbox an, kramtest aus einer verwühlten Kabelkiste einen zweiten Controller hervor, und wir spielten bis ungefähr halb eins den Zombiemodus des damals neusten Call of Duty. Dann kam deine Mutter herein, sie wollte ins Bett gehen und bat uns, leiser zu sein. Augenzwinkernd liebevoll sagte sie noch „nicht mehr so lange“ und schloss die Tür hinter sich. Wir schalteten die Konsole aus und legten uns in unsere Lager, ich zu deinen Füßen. Dann begann der schönste Teil: unser Gespräch. Gute drei Stunden waren wir noch wach und redeten über Gott und die Welt, vor Müdigkeit ganz sentimental. Ich lernte soviel über dich. So nah wie in diesen Stunden war ich dir nie wieder, aber irgendwann hatte ich unweigerlich einschlafen müssen.

Es muss schon fast morgen gewesen sein, als ein Albtraum mich hochschrecken ließ: das Nachbrennen des Zombiespiels, nichts tieferes, trotzdem blieb eine unbestimmte Angst. Eine Weile badete ich hechelnd in meinem Schweiß, dann kroch ich leise zu dir rüber. Du lagst in deinem überbreiten Bett in Embryopose mit dem Gesicht zu mir. Zum ersten mal war deine Unschuldsmiene echt. Ich legte mich vorsichtig neben dich und schaute dir beim Schlafen zu. Du sahst so süß aus. Schande, Schande… Meine Hand begann zu wandern, ich konnte gar nichts dafür, es passierte halt, sie fummelte an mir herum, während ich dein Gesicht betrachtete und deinem Atem lauschte. Eine Zeit lang konnte ich mich zurückhalten, aber schließlich entwich ein leises Stöhnen meinen zusammengepressten Lippen.

Du hattest wohl einen sehr leichten Schlaf. Plötzlich schlugen deine Lider auf. Dein Blick traf meinen und deine Augen weiteten sich. Du wichst zurück, ein endlos entmutigender Ausdruck des Ekels nun dein schönes Gesicht verunzierend, und starrtest mich wie gebannt an. Wortlos zitternd stand ich auf und packte meine Sachen. Du schwiegst ebenfalls, nicht wie ich aus reuevollem Pflichtgefühl, sondern aus der Schockstarre eines in die Ecke gedrängten Tieres. Ich wollte nicht dein Jäger sein. Ich wollte gar nichts mehr. Der Meißel deiner defensiv fauchenden Eckzähne hatte mich zertrümmert, ich war wieder der Haufen Schutt, mit dem du einst dein Pizzabrötchen geteilt hattest. Ich fegte mich auf und machte mich auf den Heimweg, für immer aus dem Paradies verbannt, ging gleichmäßig ohne mich umzusehen und zielsicher, aber in meinem Kopf rannte ich so schnell ich konnte unbeholfen durch eine sich auflösende Schemenwelt. Als ich den Park erreicht hatte, ging die Sonne auf und erfüllte die Straße mit ihrem hellen Glanz. Miese Verräterin. Ich wollte von der Nacht verschluckt werden. Stattdessen kam mir fröhlich pfeifend der Postbote entgegengeradelt und der verbotene Rasen funkelte im Sommermorgenlicht, benetzt mit Tau und meinen Tränen.

Zwei Wochen später warst du mit Monika zusammen.

Und ich war alleine.